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© SHF / David von Becker
„Der nächste Staat“

2018 M04 26

Wollen wir mehr oder weniger Staat?

von Andres Veiel und Jutta Doberstein (Interview)

150 TeilnehmerInnen, 13 Workshops, zwei Tage Nachdenken über die Zukunft. Unter dem Titel „Der nächste Staat – Rethinking State“ widmete sich vergangenes Wochenende das „Welche Zukunft?!“-Symposium der Frage: Wollen wir mehr oder weniger Staat? Die Initiatoren des Projekts, der Film- und Theaterregisseur Andres Veiel und die Autorin Jutta Doberstein, erzählen im Interview, was sie über unsere Zukunft gelernt haben.

Beim „Welche Zukunft?!“-Symposium haben Sie zwei Tage lang über zukünftige Formen von Staat diskutiert. Was ist dabei heraus gekommen? Brauchen wir in Zukunft mehr oder weniger Staat?
Jutta Doberstein: Ich glaube, das kann man nicht quantitativ bewerten. Im Zuge der Digitalisierung werden zahlreiche Interaktionen zwischen den BürgerInnen und dem Staat „verschwinden“ – die Frage ist: Wem werden die Plattformen gehören, auf denen diese Interaktionen dann abgewickelt werden? Und: Wollen wir einen Staat, der unser Gemeinwohl, oder unser Eigentum beschützt? Ich glaube, die wesentliche Frage lautet: Welche Art von Staat wollen wir uns geben?

Wie wir arbeiten werden, war ein zweites wichtiges Thema des Symposiums? Kommen wir angesichts einer immer größeren Automation überhaupt an einem Bedingungslosen Grundeinkommen vorbei?
Andres Veiel: In unseren Szenarien wird kein Weg daran vorbei führen. Interessanter ist die Frage, unter welchen Bedingungen das Bedingungslose Grundeinkommen eingeführt wird. In unserer Erzählung sind es die falschen. Die Krise verstärkt sich.

Schauplatz des Symposiums war ein ehemaliges preußisches Herrscherhaus und späteres Gästehaus der DDR – das Kronprinzenpalais Unter den Linden. Hat der Ort Ihre Arbeit am „nächsten Staat“ beeinflusst?
Jutta Doberstein: Sehr. Am Anfang eher negativ. Die Räume sind großartig, die Blickachsen in die Stadt – alles sehr beeindruckend. Wie kann man solche Räume überhaupt angemessen füllen? Die Arbeit im Konzept konnte eigentlich erst weiter gehen, als wir uns entschieden haben, uns die Räume so anzueignen, wie wir es im Theater gemacht haben: Was brauchen die TeilnehmerInnen, um sich zu begegnen? Das mussten wir herstellen und das ist unserer Bühnenbildnerin Julia Kaschlinski hervorragend gelungen. Danach konnten wir anfangen, die Großartigkeit der Räume auch ein bisschen zu genießen.

Beim Projekt-Auftakt im „Welche Zukunft?!“-Labor im September 2017 ging es um die Entwicklung einer fiktiven Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahre 2028, jetzt ein Symposium zum Staat, im Herbst wird es ein Theaterstück geben. Was verbindet all diese Veranstaltungen?
Andres Veiel: Die Ergebnisse des Labors und des Symposiums sowie eigenen Recherchen bilden die Grundlage für ein Zukunfts-Szenario, das in den dritten Schritt, das Theaterstück einfließt: Die EU befindet sich nach dem Austritt Italiens 2022 in einer der größten Krisen ihrer Geschichte. Anlass genug, politisch gegenzusteuern und in der verbleibenden Rest-EU 2023 ein Bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Doch der erwartete positive Effekt bleibt aus, die Krise verstärkt sich, Banken werden gestürmt, Malls geplündert. Wer steht hinter dieser Eskalation? Ist die Ursache in einer zufälligen Verkettung bester Absichten zu finden? Können in Zeiten Algorithmengesteuerter Plattformen überhaupt noch Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden? Was kann – mit den bekannten Tools demokratischer Kontrolle – überhaupt noch aufgeklärt werden?

Gibt es völlig neue Gedanken, auf die Sie während der Diskussionen und Workshops gekommen sind?
Jutta Doberstein: Sicher, aber es wäre zu früh, darüber jetzt zu sprechen. Die TeilnehmerInnen und ExpertInnen haben uns reich beschenkt. Mit Ideen, Haltungen, Material. Das müssen wir sorgfältig auswerten, bis wir wissen, welche Aspekte nun noch ins Theaterstück einfließen müssen.

Wie geht es jetzt weiter mit „Welche Zukunft?!“
Andres Veiel: Wir werden die Aufführungen des Theaterstücks mit zahlreichen Veranstaltungen begleiten – auch mit öffentlichen Panels. Die Diskurse der Inszenierung, aber auch noch die Ergebnisse von Labor und Symposium werden Grundlage für eine Abschlusskonferenz sein, die 2020 im eröffneten Humboldt Forum stattfinden wird. Natürlich wieder partizipativ!

Das Symposium – Plenumssitzungen

WELCHE ZUKUNFT?! – DAS PROJEKT

Das Symposium ist der zweite Teil von Welche Zukunft?!, einer Koproduktion der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss mit dem Deutschen Theater Berlin. Autor, Film- und Theaterregisseur Andres Veiel und Autorin Jutta Doberstein erkunden mit der vierteiligen Veranstaltungsreihe Zukunftsszenarien, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Ökonomen, Künstlerinnen und Künstlern sowie der Öffentlichkeit gemeinsam entwickelt werden. Dabei testen sie neue Formen der Beteiligung und Mitgestaltung, um zwischen akademisch-wissenschaftlichem Denken und künstlerischer Interpretation einen öffentlichen Dialog über zukünftige Gesellschaften anzustoßen.

Themen und Ergebnisse des Labors und des Symposiums fließen im dritten Schritt in ein Theaterstück ein, das am 28. September 2018 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wird. Nach der Eröffnung des Humboldt Forums im Berliner Schloss ist in diesem eine Abschlusskonferenz geplant.

Partner

Welche Zukunft?! ist eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin und der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
  • Deutsches Theater Berlin

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