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Schellackplatte mit den Aufnahmen Über den Äther (Hölderlin) und Der Vampyr (Russisches Volksmärchen), eingesprochen von Vilma Mönckeberg am 23. Februar 1929, erstellt von Wilhelm Doegen. © SHF

2018 M06 21

Sprachspeicher und Erkenntnisquelle

von Sebastian Klotz

Das Lautarchiv der Humboldt-Universität ist eine weltweit einzigartige Sammlung: Rund 7.500 Schellackplatten, 180 Wachswalzen, Gelatine- und Aluminiumplatten sowie 150 Tonbänder dokumentieren mehr als 100 Jahre Sprachen und Mundarten aus aller Welt.

Grammophon und Schallplatte – diese beiden Erfindungen des deutschen Auswanderers Emil Berliner am Ende des 19. Jahrhunderts brachten den Anglisten und Sprachforscher Wilhelm Doegen (1877–1967) auf eine Idee: Stimmen aus der ganzen Welt zu archivieren und für den Fremdsprachenunterricht zu nutzen. 1920 gründete Doegen die Lautabteilung an der Preußischen Staatsbibliothek, auf die das heutige Lautarchiv der Humboldt-Universität zurückgeht.

Die eigentliche Basis für die offizielle Lautabteilung bildet jedoch eine Initiative, die unmittelbar mit dem Ersten Weltkrieg zusammenhängt: Doegen wollte die in deutschen Kriegsgefangenenlagern Internierten aus aller Welt für Sprach- und Musikaufnahmen heranziehen. Zu diesem Zweck wurde eine geheime, interdisziplinäre Kommission eingesetzt: die Königlich Preußische Phonographische Kommission. Den Vorsitz hatte der Philosoph und Psychologe Carl Stumpf (1848–1936), zugleich Begründer des Berliner Phonogramm-Archivs.

Die Arbeit mit dem Tonbandgerät ermöglichte es Kurt Reinhard, ab 1952 Leiter des Phonogramm-Archivs, die Klänge jeweils in ihrem Kontext aufzunehmen und zu untersuchen. © Ethnologisches Museum – Staatliche Museen zu Berlin/Dieter Christensen
Während man im Phonogramm-Archiv lange mit Wachswalzen arbeitete, setzte Wilhelm Doegen für das Lautarchiv früh auf die robusteren und in der Tonqualität besseren Schallplatten. © Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin

Die durch diese Kommission angefertigten Sprachaufnahmen sind unter hochproblematischen Bedingungen eines Gefangengenlagers entstanden und stellen deshalb eine sensible Sammlung dar. Sie dokumentieren über 250 Sprachen und Dialekte und bilden den Kern der Sammlung, die nach dem Krieg in der Abteilung aufging.

Die Tätigkeit der Phonographischen Kommission offenbart wichtige, durchaus problematische Forschungsideologien und Überzeugungen. Wir stehen heute vor der großen Herausforderung, diese wissenschaftlich zu erschließen und kritisch in den jeweiligen Kontext zu stellen. Das lässt sich nur in einer mehrjährigen Teamarbeit mit den Herkunftskulturen realisieren. Bislang ist das lediglich punktuell geschehen, etwa in Bezug auf die Phonographische Kommission selbst. Die historischen Aufnahmen zu durchdringen, den Kontext offenzulegen, in dem sie entstanden sind und genutzt wurden, rechtliche Fragen zu klären – das ist ein weiterer wichtiger Komplex.

Laut- und Phonogrammarchive bringen eine Besonderheit mit sich: Ihre Aufnahmen wirken unmittelbar emotional. Doch die Bedeutung der Aufnahmen ist damit noch lange nicht klar. Sie verändert sich zudem, ist nicht statisch. Die Audio-Objekte lassen sich also archivalisch nicht unter Kontrolle bringen, brechen ständig aus der ihnen zugeschriebenen Funktion im Katalog aus.

Genau diese Veränderungen im Rezeptionsprozess sind bei der Erforschung des Lautarchivs heute besonders wichtig. Das Lautarchiv lädt also zur Schulung von Hör-Akten ein. Die hörende Begegnung mit der Welt und ihren kulturellen Ausdrucksformen eröffnet ganz neue Perspektiven. Denn Sprache und Musik sind eben nicht nur zweckbezogene Kommunikations- und flüchtige Unterhaltungsmedien. Sie stehen für ganz eigene Formen der Selbstbeschreibung von Gesellschaften und Kulturen. Vor diesem Hintergrund möchte das Lautarchiv im Humboldt Forum eine aufschlussreiche, vermittelnde Rolle spielen – in enger Verzahnung mit den Akteuren anderer Kulturen, mit den anderen Sammlungen, Laborflächen und Ausstellungsaktivitäten. Es ist eine wichtige Ressource für Forschung und Lehre, die eng mit der Berliner Wissenschaft und deutschen Kulturgeschichte, ihren wissenschaftlichen Überzeugungen und globalen Vernetzungen verbunden ist.

Sebastian Klotz ist Professor für Transkulturelle Musikwissenschaft und historische Anthropologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist dort zugleich Ko-Sammlungsleiter des Lautarchivs, das 2019 ins Humboldt Forum im Berliner Schloss umziehen wird. Sebastian Klotz ist zudem Ko-Kurator der Ausstellung [laut] Die Welt hören.

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