Humboldt Forum
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Das Humboldt Foyer

2018 M03 28

Es gibt nicht die 'eine' Geschichte

von Neil MacGregor (veröffentlicht in der Wochenzeitung DIE ZEIT)

Es sind viele Geschichten, die zählen. Eine Antwort an die Kritiker des Berliner Humboldt Forums.

Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie spricht 2009 auf der TED-Globalkonferenz von der "Gefahr der einen einzigen Geschichte". Ausgehend von ihrer persönlichen Erfahrung warnt sie eindringlich vor der Macht, eine linearperspektivische Erzählung immer und immer zu wiederholen, bis sie zu einer unumstößlichen und exklusiven Wahrheit wird. Diese eine Geschichte formt ein unvollständiges Bild, das sich als ein vollumfängliches versteht. Und letztendlich bestimmt diese eine Geschichte das Sein derer, über die sie erzählt wird: "Sie beraubt Menschen ihrer Würde. Sie erschwert es uns, die Gleichheit aller Menschen zu erkennen."

Als Beispiel beschreibt sie, wie irritierend und unangenehm es für sie war, von ihrer studentischen Mitbewohnerin aus den USA wohlwollend und gutmeinend als Afrikanerin gesehen zu werden. Sie "hatte eine einzige Vorstellung von Afrika: eine Geschichte der Katastrophen und des Elends. Diese eine einzige Geschichte ließ keinen Raum für mögliche Gefühlsregungen jenseits des Mitleids." Chimamanda Adichies Worte haben mich nachhaltig beeindruckt. Sie legen einen Wahrnehmungsmechanismus bloß, den wir alle viel zu schnell und selbstverständlich annehmen. Er ist effizient – in den unterschiedlichsten Bereichen, in denen es um die Macht der Deutungshoheit geht. Denn die "single story" produziert gefährliche Stereotypen und sie blendet die Komplexität aller menschlicher Handlungen aus.

Neil MacGregor

In diesem Sinne müssen sich die Kritiker des Humboldt Forums fragen lassen, ob nicht auch hier die Gefahr besteht, ein eindimensionales Bild zu erzeugen – sowohl in Bezug auf das Humboldt Forum als Institution als auch auf die Kulturen, deren Objekte dort gezeigt werden. Dieses Bild ist nicht zwangsläufig falsch, aber eben nur ein Ausschnitt dessen, was man über dieses große Kulturprojekt erzählen könnte.

Es wird behauptet, es fehle an kritischer Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe wie an Konzepten und auch, dass es wohl besser sei, das Projekt "auf Eis zu legen". So wurde unter anderem gefordert, keine Objekte aus den ethnologischen Sammlungen im Humboldt Forum zu zeigen, deren Herkunft nicht bereits zuvor von den Staatlichen Museen systematisch erforscht und dokumentiert ist. Das wäre, meines Erachtens, eine falsche Entscheidung. Denn ich glaube, dass die breite lokale und internationale Öffentlichkeit in diesen so komplizierten Prozess einer Beschäftigung mit den Objekten gar nicht früh genug eingebunden werden kann – Besucher der Sammlungen, genauso wie die Communities der Herkunftsgesellschaften oder wissenschaftliche Foren. Dank des Humboldt Forums kann die Erforschung der immateriellen wie materiellen Objekte in einer breiten Öffentlichkeit erfolgen und viele Perspektiven zusammentragen – dies ist die Chance. Diese kann und muss das Humboldt Forum nutzen. Hier kann es aktiv vorangehen und die Initiative ergreifen, wie beispielsweise auch in dieser Zeitung unlängst gefordert wurde.

Mein Argument basiert auf eigener Erfahrung in London. Im Umgang mit dem Material der National Gallery und des British Museums, welches potenziell eine zweifelhafte Erwerbsgeschichte in Zeiten des Holocausts hatte, entschieden sich die Trustees, das Kuratorium des Stiftungsrats, dazu, die Objekte und alle verfügbaren Informationen über ihre Provenienz online zugänglich zu machen. Die eingehenden Hinweise von Eingeweihten, Sachkennern und Erben schrieben die Objektbiografien fort. Und sie halfen dabei, Gegenstände in den Sammlungsbeständen zu identifizieren, die von den Nazis beschlagnahmt worden waren. In diesen Fällen konnten Gespräche über eventuelle Rückgaben sofort geführt werden.

Fragen der Objektaneignung im kolonialen Kontext sind komplizierter, da die Ereignisse weiter zurückliegen. Die Herkunftsdokumentation ist gewöhnlich fragmentarisch und selbst bei den vielen gut aufgeklärten Fällen bleibt oftmals strittig, wer heute berechtigt ist, diejenigen rechtlich zu vertreten, die einst enteignet worden waren. In den Herkunftsländern finden sich so grundverschiedene Ansichten über Fragen der Restitution. Der indische Philosoph, Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen würde die Kolonialerfahrung Indiens ganz anders beschreiben als der indische Schriftsteller, Diplomat und Politiker Shashi Tharoor. Meiner Ansicht nach ist es deshalb umso wichtiger, die fraglichen Gegenstände auszustellen und öffentlich – im Humboldt Forum – zu diskutieren. Das vielleicht nicht zu lösende Problem, wie man im Rahmen unterschiedlicher Rechtssysteme entscheiden soll, wird zentrales Thema der Debatten im Humboldt Forum sein müssen.

Eines der unzweifelhaft grausamsten Kapitel der britischen Kolonialgeschichte war die Eroberung und europäische Besiedlung Australiens, beginnend Ende des 18. Jahrhunderts. Eine Geschichte, die nicht nur kollektive Enteignung und kulturelle Zerstörung zur Folge hatte, sondern auch einen Völkermord. 2015 zeigte das British Museum in Zusammenarbeit mit dem National Museum in Canberra seinen Sammlungsbestand aus dem Gebiet der Aborigines – zuerst in London, anschließend in Canberra. Es war die erste Ausstellung in Großbritannien, die jener über 60.000 Jahre alten, lebendigen Kultur gewidmet war. Die Geschichten – die der langen kulturellen Tradition Australiens vor der kolonialen Besatzung, die der Kolonialzeit mit ihren Verheerungen sowie die der nachkolonialen Zeit bis heute – öffneten sich zu einem Weitwinkelpanorama.

Das Humboldt Foyer

Dank der erfahrenen Hauptkuratorin Gaye Sculthorpe, selbst Aborigine und Mitglied des National Native Title Tribunal, das sich für die Belange indigener Communities einsetzt, sowie dank des Austausches mit den Communities kamen unzählige Stimmen hinzu, die andere Geschichten erzählten. Aus erster Hand war zu erfahren, mit welchem tiefgründigen Wissen und mit welcher Ehrfurcht die Aborigines mit allen Ressourcen ihrer Umwelt umgegangen sind, wie lebendig ihre Geschichte in Gesang, Ritual und Malerei fortlebt, wie widerständig sich diese uralte Kultur behauptet hat und welch massive, traumatisierende Gefährdungen sie erleben musste im Zuge der britisch kolonialen Invasion. Das Resultat dieser Ausstellung war mehr als nur "eine einzige Geschichte der Katastrophe", um mit Adichies Worten zu sprechen, sondern vielmehr eine Reihe von Erzählungen, auch von mutigem Widerstand, die neben einer großen Bewunderung für Kultur und Gesellschaft der Aborigines zweifellos Gefühle provozierten, die viel komplexer waren als Mitleid oder Schuld.

Die Ausstellung wurde zu einem Ort vieler stories. Gerade die scharfe Kritik von allen Seiten und die ganz unterschiedlichen Sichtweisen öffneten den Blick und legten zweifellos den Grund für ein tieferes Verständnis einer geteilten, komplexen Geschichte wie für kommende Kooperationen.

Wie können wir dafür Sorge tragen, dass die erzählte Geschichte nicht in einer Eindimensionalität verfangen bleibt, sondern ein lebendiges vielstimmiges Gebilde entsteht? Hierin sehe ich eine der größten Herausforderungen des Humboldt Forums.

Die Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit ist eine Möglichkeit, eingleisige Lesarten aufzubrechen. In diesem Sinne sind die Entscheidungen wegweisend, die reichen Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst vom Rande der Stadt, aus Dahlem, ins Zentrum von Berlin zu holen und allen Besucherinnen und Besuchern kostenlos zugänglich zu machen.

Dank digitaler Datenbanken soll es künftig auch möglich sein, Besucher auf der ganzen Welt einzuladen. Im Sinne von shared knowledge and heritage wäre es zu wünschen, dass die Staatlichen Museen zu Berlin die Objekte selbst beweglich werden lassen, wie es Achille Mbembe jüngst vorgeschlagen hat. Hierüber muss die Generaldirektion der Staatlichen Museen entscheiden.

Häufig werde ich gefragt: Was also ist nun das Gesamtkonzept des Humboldt Forums? Für einen Nicht-Deutschen klingt die Frage einen Tick zu "hegelsch", so als ob sich in ihm eine einzige, schwer zu erreichende, allgemeingültige Weltidee offenbaren müsste. Meines Erachtens aber muss es in diesem Haus vielmehr um eine Vorgehensweise, einen Prozess gehen.

Gesänge der Sufi in Ägypten

In der kürzlich eröffneten Ausstellung [laut] Die Welt hören in der Humboldt-Box erhält man einen Vorgeschmack dieser Herangehensweise. Vier Aspekte sind meines Erachtens entscheidend. Erstens macht sie erfahrbar, dass das Humboldt Forum mehr als jeder andere Museumskomplex der Welt zum Haus der Klänge wird – des Gesangs, der Sprachen, Poesie und Musik, der Tänze, Feste und Traditionen. Sie spielen für jede Gesellschaft eine so zentrale Rolle, weil sie ihre Identität formen, verändern und weil sie von Generation zu Generation weitergereicht werden. Objekte und Klänge zueinander in Beziehung zu setzen, vielen Geschichten lauschen zu können und Sprachen, Lieder und Tänze als Teil unserer vielen Identitäten zu entdecken, wird Aufgabe des Humboldt Forums sein.

Zweitens ist sie als Pilotprojekt das Ergebnis der engen Zusammenarbeit zweier Akteure des Hauses: des Ethnologischen Museums und der Humboldt-Universität zu Berlin. Aus ursprünglich zwei voneinander getrennten Sammlungen erwuchs ein gemeinsames Angebot. Drittens behandelt die Ausstellung schwierige ethische Probleme der Sammlungsgeschichte: Bei den aufgezeichneten Tondokumenten handelt es sich größtenteils um Aufnahmen von Kriegsgefangenen des 1. und 2. Weltkriegs. Für die Wissenschaft sind diese Sammlungen heute von größter internationaler Bedeutung, aber sie sind unter Zwang entstanden. Hier ist die Provenienzforschung unter Einbezug der heutigen Vertreter der Kulturen, deren Ton- und Sprachaufnahmen archiviert wurden, von höchster Relevanz. Wie und unter welchen Bedingungen entstanden die Aufnahmen und wie, nach welchen Systemen hat man sie gesammelt? Auch die Aufzeichnungen von rituellen Liedern der Navajo werden thematisiert, aber auf Wunsch der Vertreter der Navajo, mit denen man im engen Dialog steht, nicht zu hören sein. Anhand dieser Sammlungen lassen sich die entscheidenden Fragen des Umgangs mit diesem gemeinsamen immateriellen Erbe stellen: Wer hat das Recht, diese Aufnahmen zu hören? Wer darf wessen Klänge aufzeichnen, aufbewahren und weiterverwenden? Wie geht man mit Klang als immateriellem Kulturgut um? Viertens zeigt die Ausstellung, wie wichtig und lohnend kuratorische Kooperationen mit internationalen Kollegen ist. Hier kann eine andere Stimme Gehör finden. In diesem Fall war es die Foundation for Arab Music Archiving and Research (AMAR) aus Beirut, mit ihrer umfangreichen Sammlung historischer Aufnahmen aus dem mittleren Osten. Für die Ausstellungsarbeit und kuratorische Praxis des Humboldt Forums ist beschlossen worden, dass auf den Sonder- und Wechselausstellungsflächen internationalen Kooperationen verbindlich werden, um Deutungshoheiten zu teilen und eine Vielstimmigkeit zu erzeugen. Derzeit arbeiten wir an einem tragfähigen Partnership- und Residence-Program, um Kuratoren aus allen Teilen der Welt an den Ausstellungen zu beteiligen.

Sollte es gelingen, Multiperspektivität zum Prinzip zu machen, lassen sich Grenzen akademischer Disziplinen, von Kultursparten, von kunstwissenschaftlichen Zuordnungen, ja Grenzen des Denkens überwinden. Dann wird das Humboldt Forums eben gerade kein sich nach außen verschließendes Gebäude sein, sondern ein lebendiges, pulsierendes Zentrum, das das Sammeln und Erzählen von Geschichten ermöglicht, die weit nach außen und ins Haus hineindringen. Zur Debatte steht nichts Geringeres als eine Demokratisierung von Inhalten, der Wissenschaft und der Erzählung von Geschichte, aber auch eine Popularisierung der Institution Museum. Es ist die Arbeit daran, ein Klima zu schaffen, in dem viele unterschiedliche, häufig widersprüchliche, sich aber immer gegenseitig bereichernde Geschichten erzählt und bewahrt werden können. Wenn es ein übergreifendes Konzept gibt, so ist es eher, der scheinbaren Einfalt eines jeglichen Narrativs – sei es historisch, national, religiös oder was auch immer – durch andere Narrative Paroli zu bieten. To avoid the danger of a single story!

"Geschichten zählen. Viele Geschichten zählen", so Adichie. Dafür bietet das Humboldt Forum im Berliner Schloss uns allen eine große Chance. Die Widersprüche seiner umstrittenen Architektur bilden den idealen Rahmen für eine dauerhafte Auseinandersetzung mit Lektüren der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Neil MacGregor ist Leiter der Gründungintendanz des Humboldt Forums.

Der Artikel erschien am 28. März 2018 in der Wochenzeitung DIE ZEIT.

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