Expedition zur Seidenstraße

Für das Humboldt Forum wird die „Höhle der ringtragenden Tauben“ als Rekonstruktion begehbar sein. Ein Berliner Team dokumentiert dazu die Originalhöhle im nördlichen China. Ein Reisebericht.

Atemlos mustert Toralf Gabsch die zerklüftete Decke und die noch vorhandenen Wandmalereien der buddhistischen Kulthöhle: „Das ist der absolute Höhepunkt aller drei Expeditionen, die wir bislang an die Seidenstraße unternommen haben“, sagt der Chefrestaurator des Museums für Asiatische Kunst, Berlin. Auf diesen Moment hat er jahrelang gewartet. „Die ‚Schatzhöhle‘ ist eine der bedeutendsten Restaurierungsmaßnahmen, die wir für das Humboldt Forum durchführen. Jetzt haben wir erstmals die Möglichkeit, genaue Raummaße zu bekommen und die Erhaltungszustände zu dokumentieren.“

Vermutlich seien sie die ersten deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die seit der letzten preußischen Turfan-Expedition 1914 die ‚Schatzhöhlen‘ (Kizil Höhlen 82–85) betreten hätten. Eine Genehmigung dazu sei aus Sicherheitsgründen bislang immer verwehrt worden.

Der Aufstieg zu diesem Höhlensystem ist in der Tat abenteuerlich. Zunächst mussten Toralf Gabsch und die Restauratoren Katharina Leubner und Holger Manzke eine gut sieben Meter lange Holzleiter, der zahlreiche Sprossen fehlen, bezwingen. Oben angekommen tastete sich Manzke, eng an die Felswand geschmiegt, auf einem kaum 30 Zentimeter schmalen Sims langsam vor. Dabei brachte er eine Seilsicherung für seine Kolleginnen und Kollegen an, die schließlich in schwindelerregender Höhe die Hauptkammer der „Schatzhöhlen“ erreichten. Wind und Wetter weiter ausgesetzt, wären die aus den „Schatzhöhlen“ stammenden Wandgemälde der Museumssammlung heute vermutlich nicht mehr erhalten geblieben. Sie kamen Anfang des letzten Jahrhunderts auf wahrlich abenteuerlichen Wegen in die deutsche Hauptstadt.

Elektrisiert von den auf dem Orientalistentag 1899 vorgestellten Funden aus Zentralasien begann Albert Grünwedel vom damaligen Berliner Museum für Völkerkunde umgehend Geld für eine eigene „Turfan Expedition“ einzuwerben. Drei Jahre später war es soweit. Gemeinsam mit dem Techniker Theodor Bartus und dem Tibetologen und Sprachwissenschaftler Georg Huth reiste Grünwedel per Eisenbahn und Flussdampfer durch Russland und anschließend zu Pferde weiter ins chinesische Grenzgebiet; sämtliche Ausrüstung wurde mit Packtieren und Lastkutschen transportiert. Großzügige Unterstützung fand die Exploration durch die chinesischen Autoritäten, die Schutzpässe, Quartiere und Lasttiere besorgten. Drei weitere Königlich Preußische Turfan-Expeditionen sollten bis 1914 folgen. Erst wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges trafen die letzten Transportkisten der vierten Expedition in Berlin ein.

Mit den Kisten gelangten auch große Teile der originalen Wandgemälde der „Höhle der ringtragenden Tauben“ (Kizil Höhle 123) in den Bestand des Völkerkundemuseums. Ab 2019 wird der Besucher sie im Humboldt Forum als begehbare Höhlenrekonstruktion erleben können – die einzige in einem Museum weltweit.

Bis dahin ist noch viel zu tun. Als Holger Manzke und Katharina Leubner die Kulthöhle betreten, wirkt diese, als sei sie gerade nach Jahrzehnten wiederentdeckt worden. Der Boden ist mit einer dicken Sandschicht bedeckt und jeder Schritt wirbelt Staub auf. Akribisch vermessen sie die Höhle, dokumentieren sie fotografisch und untersuchen die am Ort verbliebenen Wandmalerei Fragmente. Besondere Bedeutung hat hier die Kultbildnische. Holger Manzke erkennt an den schwarzen Verrußungen auf dem Fels, dass die Kultbildnische nie verputzt war. „Hier muss eine hölzerne Mandorla-Scheibe, ein Körpernimbus aus Holz angebracht gewesen sein, hinter der sich der Ruß der Fackeln absetzte.“ erklärt Manzke seine Vermutung den Kolleginnen und Kollegen. „Das ist eine wichtige Entdeckung“, so Lilla Russell-Smith, Kuratorin für Zentralasiatische Kunst. „Im Museum haben wir einen vergoldeten Körpernimbus der hier vielleicht sogar passen würde. Obwohl die hölzerne Buddha-Figur aus der Kultbildnische heute verloren ist, können wir uns überlegen, den Nimbus in der Höhlenrekonstruktion im Humboldt Forum auszustellen.“

Am Abschlusstag rüsten sich die Berliner und ihre chinesischen Kollegen für eine Expedition zur sogenannten „Dritten Anlage“. Diese liegt in einem unzugänglichen Seitental des Höhlenkomplexes von Kizil und kann nur nach einem anstrengenden Aufstieg über unbefestigte Pfade erreicht werden. Ausspülungen und Winderosion haben aus dem Grundgestein und dem von der Sonne wie zu Beton gebackenem Lehm und Sand eine bizarre Landschaft geformt.

Gut versteckt verbirgt sich hier eine phantastisch erhaltene Kulthöhle, die Grünwedel auf Grund ihrer Innenbemalung nach Königin Maya benannt hat. Auf der reich bemalten Decke kann das Team vom Museum für Asiatische Kunst zahlreiche filigran gezeichnete Köpfe und Tierdarstellungen identifizieren; die Kultbildnische erstrahlt in einem tiefen Blau. „Wahrscheinlich ist es dieser Abgeschiedenheit zu verdanken, dass die prachtvolle Ausmalung der ‚Maya-Höhle‘ (Kizil Höhle 224) mit den Predigtszenen des Buddha und den Tierszenen noch so gut erhalten ist“, vermutet Toralf Gabsch.

Als die Berliner Wissenschaftler wieder aus der Höhle treten, hat sich der Himmel verdunkelt. Die Bergkette jenseits des Tals ist kaum noch erkennbar, und der Wind hat aufgefrischt. Die chinesischen Kollegen drängen auf einen sofortigen Rückmarsch zum Institut. Einer der in dieser Region berüchtigten Sandstürme zieht auf.

Stefan Müchler ist Pressereferent in der Abteilung Medien und Kommunikation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.