„Das Humboldt Forum ist ein Ort der Debatte“

Ein Interview mit Natalia Majluf, Direktorin des Kunstmuseums Lima, über die Herausforderungen und Chancen des Humboldt Forums.

Natalia Majluf, Sie sind Teil des internationalen Netzwerks von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Museumsexpertinnen und Museumsexperten, das die Gründungsintendanz des Humboldt Forums unterstützt. In Ihrer Gruppe sind sehr viele Sichtweisen vertreten – wie finden Sie eine gemeinsame Grundlage?

Es gibt nicht immer eine Einigung über die diskutierten Fragen, aber das ist auch nicht nötig. Möglicherweise ist es sogar besser so, da wir ein beratendes Gremium sind und die Gründungsintendanz von der Vielfalt der Sichtweisen profitiert. Es ist immer schwierig, Dinge zu diskutieren und zu vergleichen, die aus unterschiedlichen diskursiven Narrativen, aus unterschiedlichen politischen und sozialen Gegebenheiten hervorgegangen sind. Ich persönlich ziehe es vor, mich aus einer historischen Sicht mit Besonderheiten und Themen auseinanderzusetzen, weil uns das ermöglicht, die speziellen sozialen Reibungen, die Bedingungen und Situationen zu verstehen, in denen Objekte hergestellt und zusammengetragen wurden.

Die aufmerksame Beschäftigung mit den Einzelheiten führt zu erfolg reicher Arbeit. Aufgrund der Vielzahl der Narrative, die in diesem einen Gebäude zusammenkommen, bestehen große Erwartungen an das Humboldt Forum. Für welches allgemeine Narrativ sollte sich die Gründungsinstanz Ihres Erachtens entscheiden?

Das Humboldt Forum ist ein so ehrgeiziges Vorhaben und die Erwartungen der Öffentlichkeit sind so hoch, dass die Kuratorinnen und Kuratoren meiner Meinung nach vor enormen Herausforderungen stehen. Das ist auch eine große Chance. Ich glaube an die Freiheit von Kuratorinnen und Kuratoren, etwas vorzuschlagen; diese Vorschläge werden natürlich kritisch aufgenommen und hinterfragt. Sie werden Diskussionen auslösen und dies gehört zu den Aufgaben, die Museen wahrnehmen sollten. Museen müssen sich nicht um einen allgemeinen Konsens bemühen, denn das macht sie zu sehr langweiligen Orten. In dieser Hinsicht ist das Humboldt Forum seit seiner Gründung und schon vor seiner Eröffnung ein Ort großer Diskussionen gewesen und bleibt es auch. Denn obwohl das Forum noch im Aufbau ist, gibt es so viele hitzige Debatten, einen so intensiven Dialog, dass es jetzt bereitsein produktiver Ort ist. Ich habe festgestellt, dass es in der Gründungsinstanz eine außergewöhnliche Bereitschaft gibt, sich der bestehenden Kritik und den Fragen zu stellen. Das verleiht dem Projekt Gültigkeit und macht es aufregend. Ich bin ziemlich sicher, dass dieses Potenzial, wenn nicht zu Beginn, dann innerhalb sehr kurzer Zeit in sehr konkreter und interessanter Form nutzbar werden kann. Das ist zumindest meine Hoffnung.

Eine der Herausforderungen ist die Frage der Zielgruppe des Humboldt Forums: die lokale Öffentlichkeit, native Gemeinschaften, internationale Fachleute? Durch Ihre Arbeit in Peru haben Sie viele Erfahrungen mit der Öffnung von Museumsräumen – was würden Sie empfehlen?

Berlin ist bereits eine internationale Hauptstadt, es hat eine sehr vielfältige Bevölkerung und hier liegt eine Chance. Meines Erachtens wurde bisher noch nicht ausreichend genutzt, dass wir in einem Museum weiterhin mit den nationalen oder lokalen Gemeinschaften verbunden sind. Ich bin eine große Verfechterin des lokalen Charakters von Museen, doch das ist keinesfalls ein Hindernis für die Art von internationalem Engagement, das ein solches Projekt braucht. Das Humboldt Forum kann neue Modelle der Zusammenarbeit und des Austauschs entwickeln. Nicht nur, indem Dinge nach Berlin gebracht werden, sondern auch durch ihre gemeinsame Nutzung, durch die Suche nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einer sehr asymmetrischen Welt, in der Politik und Logistik gleiche Bedingungen für jede Art von Dialog tendenziell behindern. Ich glaube, es gibt sehr viele Gelegenheiten für alle Arten von Austausch, für die Zusammenarbeit mit Hochschulen, Museen und Gemeinschaften in der ganzen Welt. Hier kann das Humboldt Forum am meisten bewirken. Und wenn wirkliche Anstrengungen unternommen werden, dies zu realisieren, wird es gewaltige Auswirkungen auf die Welt der Museen haben.

Natalia Majluf ist Kunsthistorikerin aus Peru. In ihrer Funktion als Direktorin des Museo de Arte de Lima setzt sie sich dafür ein, dass alle Bevölkerungsschichten an dem kulturellen Erbe ihres Landes teilhaben. Das Museum hat für sie einen Bildungsauftrag und ist fundamental für die Entwicklung junger Menschen.

Die Fragen stellte Christina Tilmann.